Imkerei seit 2005 - das war der Beginn

Imkerei seit 2005 - das war der Beginn

Wir schrieben das Jahr 2004. Ein enormer Familienumbruch bahnte sich an, wir zogen aus Berlin ins Saarland. Bisher an der Freien und an der Technischen Universität beheimatet, hieß es für zwei Akademiker arbeitslos oder Wohnortwechsel. Also wechselten wir unseren Standort an die Universität des Saarlandes – zumindest tat dies zunächst nur mein Mann mit seinem Forscherhaustier, der Honigbiene. Die Kinder und ich gingen mit. Bienen stecken an und obwohl ich eigentlich aus der Heuschrecken- und Drosophila-Welt komme, hat mich die Honigbiene schon zu Studentenzeiten bei Professor Menzel angezogen. Ich durfte dort Feldversuche mitmachen und Praktika betreuen. Vor allem aber die Imkerseite hatte es mir angetan. Nur damals in Berlin, erste Wohnung Hinterhaus ohne Balkon, zweite Wohnung 2 qm Balkon, da passte das mit den Bienen nicht wirklich. 1990er Jahre, da gab es die ‚Rettet-die-Bienen-Bewegung’ und die ‚Stadtimkereibewegung’ noch nicht und als junger Stadtmensch hat man noch nicht den Drang zur Sesshaftigkeit, welche die Imkerei aber braucht.


Aber dann bekamen wir im Saarland einen Garten und Bruder Zufall kam vorbei: Unser Verwandter Rudi Brötz war Imker. Inzwischen sind er und seine Frau Billie schon lange im Bienenhimmel, aber der Funke konnte noch überspringen. Rudi versprach uns EIN Bienenvolk. Er bereitete alles vor, im Frühjahr 2005 sollten wir unsere Bienen bekommen – aber es stand anders geschrieben. Rudi stirbt im Frühjahr 2005, seine Frau Billi kann die Bienen nicht behalten. Das normale Immenschicksal in so einem Fall war dort: Schwefeltod. Das ging für uns natürlich gar nicht und so „erbten“ wir 4 Völker und jede Menge Zubehör. Aber ohne Imkervater, auf den ich gebaut hatte. Denn obwohl mein Mann an Bienen forscht, hat er das Imkerhandwerk immer anderen überlassen. Was dann kam ging Hals über Kopf. Mein Mann, sein Doktorand Thomas, die Kinder und ich holten die Bienen aus dem Lahnkreis mit tierärztlicher Genehmigung ins Köllertal. Mitten in der Nacht – Bienen werden am besten abends transportiert, weil dann alle daheim im Stock sind! – stellten wir die Bienen bei uns im Garten auf und kamen uns vor wie Verschwörer. Die Bienen flogen sich ein, ich arbeitete mich ein und war zum Glück nicht allein. Ich war sehr schnell Mitglied im Imkerverein Köllerbach, c/o Familie Sutor, geworden und hatte mich gemeinsam mit Thomas und der Technischen Assistentin meines Mannes, Angelika, zu einem Imkerlehrgang im wunderschönen Mandelbachtal im Saar-Pfalz-Kreis angemeldet. Es gibt in Berlin ein Sprichwort: Wenn du Kontakt suchst, schaffst Du Dir Kinder und/oder einen Hund an. Kinder hatten wir, einen Hund noch nicht, aber dafür Bienen und damit ging das Kontakteknüpfen im Kinder-Off los. In meinem Imkerkurs, den ich dann zwei Jahre besuchen sollte, lernte ich von Hans-Werner Krick, Imker und Kulturhistoriker, Christian Spieldenner, Imker und Bienenzüchter, Tilmann Wenzel, Bioland Imkermeister und Walter Weirich, Imker und Bienenzüchter (Reihenfolge alphabetisch), alle Bienenzüchter mit und aus Leidenschaft, das Imker- und Königinnenzuchthandwerk in seinen theoretischen Grundlagen und in seiner praktischen Ausführung. Diese Ausbildung war spitze und ich nutznieße in den Imkerkursen, die ich nun seit neun Jahren selber gebe, immer noch davon. Viele sehr nette Menschen habe ich in dieser Schulung kennen gelernt und in allen dann folgenden bienenassoziierten Tätigkeiten.

Imkerei ist naturbedingt eine Tätigkeit, die niemals still steht. So kamen wir zunächst ohne Zwischenfälle im Jahr 2007 an. Ich hatte meinen Lehrern nicht so recht glauben wollen, und bestellte zwei Carnica-Kunstschwärme von Honigmehler – war ja ein in der Bienenzeitschrift akkreditiertes Unternehmen. Inzwischen bin ich durch die Arbeit mit Dr. Otten im Bieneninstitut Mayen und die Erfahrung mit meinen Kunstschwärmen viele Erfahrungen weiter. Denn weder ist Honig Mehler ein Unternehmen, dem man trauen sollte, noch waren die Kunstschwärme „Rasse Carnica, friedlich, fleißig, honigbringend’. Ich habe sie nur gefüttert, kein Tropfen Honig, sie entwickelten sich zu kleinen roten Giftzwergen und haben alle Nachbarn gestochen. Also mussten sie nach einem Allergieunfall beim Nachbarn zur Schadensbegrenzung weg. Allergieunfall: Ich hatte die Bienen in den Golzbeuten zur Varroabekämpfung sortiert. Ein Nachbar kam mit der Zwiebel auf dem Arm rüber und bemerkte freundlich, dass meine Bienen ihn an seinem Gartenteich angefallen hatten – Stocknähe 50 m! Also dachte ich, ich stelle mal Futter ein. Damals als Anfänger trug ich noch Vollmontur, glücklicherweise, denn ich hatte die Situation falsch eingeschätzt. Ich öffne den Stock und stehe in einer stechenden Wolke, die bis Dunkelwerden dann nicht mehr von mir abließ. Wegrennen wollte ich nicht, denn ich hätte die Bienen mit ins Haus getragen oder auf die Straße, wo noch mehr Nachbarn zu treffen waren. Rauch half nicht, Wasser hätte den Anzug stichdurchlässig gemacht. Also blieb ich sitzen. Die Nachbarn neben an wollten sehen, was ich da treibe und kamen an den Zaun. Ein fataler Fehler, denn auch sie wurden gestochen und reagierten allergisch. Am nächsten Tag suchte ich Hilfe bei meinem Verein und mir wurde geholfen: Herr Sutor senior nahm das in die Hand und seine Söhne kamen mit dem Unimog, transportierten meine bienenundichten (bis dahin hatte ich gedacht, die Beutenböden seien bis auf das Flugloch dicht – welch ein Irrglaube), sehr schweren Trogbeuten unter heftiger Abwehr der Bienen bei Gewitterwetter ab und verfrachteten sie auf die andere Seite unseres Tals. Dort stehen sie nun seit Juni 2007. Inzwischen konnte ich das Grundstück kaufen.


Neue, friedfertige Königinnen von Christian Spieldenner zogen umgehend in die Völker ein. Die Lage ist seit dem mit vielen Töchtern der Spieldenner Königinnen, erweitert um Weirich, Hassel und Hero Königinnen, entspannt, die Völkerzahl hat sich im Laufe der Jahre an diesem Standort auf 18 hochgeschaukelt.  Inzwischen stehen für meine Imkerkurse auch wieder Bienen auf dem eigenen Grundstück. Zudem habe ich die Uniimkerei im Rahmen meiner Lehrtätigkeit dort übernommen, eigene Bienenvölker dürfen auch dabei stehen und ich habe mit dem Regionalverband eine schöne Bienenkooperation am Saarbrücker Schloss. In Maybach bereichern zwei meiner Bienenvölker den Garten von Maler Koch. Er züchtet mit seinem Partner, Herrn Brossette, Irish Terrier. Unsere Grande Dame, mein jüngstes 'Kind', Julia kam aus ihrem Zwinger.


Das Leben ist ein Fluss mit vielen Stillwassern und vielen Stromschnellen, alles in unvorhersehbarer Mischung. Wenn man mit Bienen arbeitet, ähnlich wie wenn man Kinder hat, lernt man in diesem Fluss den Moment zu nehmen, wie er ist und darauf zu reagieren. Das versuche ich jeden Tag in jeder Minute.


Die Kamikazebienen sind verschwunden, die friedlichen Nachfolgerinnen haben inzwischen viele Kindergärten, Grundschulklassen, die Kinderuni, die Pfadfinder, den CVJM, Kindergeburtstage, Schnupperkurse, Imkerkurse, Freunde und Familie erfreut und viele schöne Gespräche initiiert. Ich durfte einen Lehrbienenstand an der Universität des Saarlandes initiieren und habe damit Platz in den Nachhaltigkeitsbemühungen der UdS gefunden. Das verbindet meine Tätigkeit dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin mit meinem Privatleben.


Zwischendrin waren meine Bienen auch mal richtig krank – in dem Zusammenhang durfte ich mich dann eingehend mit dem Tierseuchengesetz beschäftigen und mich veterinäramtlich zur Bienensachverständigen ausbilden lassen – aber das kann man unter Bienengesundheit ‚Faulbrut’ lesen.


Seit diesem Vorfall ist aber alles gut und das Bienennetzwerk wächst stetig weiter. Dafür bin ich dankbar und klopfe auf Holz.


Sehr oft musste ich in der Entwicklung meines Bienenweges gegen den Unwillen meiner Familie antreten. Imkerei in dem Ausmaß, in dem ich sie betreibe, braucht viel Zeit und auch viel Kraft. Aber sie trägt über vieles hinweg. Mich hat sie über die Zeit beruflicher Heimtlosigkeit in Folge des eher ungewollten Ortswechsels von Berlin ins Saarland getragen. Hat zusammen mit meinem Hund geholfen, das mit dem Ortswechsel verbundene große Heimweh auszuhalten. Hat eine Art beruflicher Karriere ermöglicht, die in meinem akademischen Beruf in meiner familiären Situation für mich nicht möglich war. Hat ein wenig den Verzicht auf dieser Ebene ausgeglichen. Hat Türen geöffnet, die man vorher gar nicht gesehen hatte. Hat getröstet, als meine Mutter und mein kleinstes "Kind", mein Hund, starben. Meine Bienen sind Freundin, Heimat, Seelentröster, Fitnessbegleiter, definieren Lebenssinn.  Das ist eine Menge Substanz für ein "nur Hobby".

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